Sala Lieber – Emanzipation – WFT

Im Städel gibt es den Geschlechterkampf und in der Kunst ist die Stellung der Frau in der Gesellschaft mal politisch, mal künstlerisch, mal subtil, mal offen Thema. Ein Thema das schnell in einer Ungleichheitsdebatte mündet.

Eine hoch ästhetische Lösung hat die Künstlerin Sala Lieber in ihrem großformatigen Gemälde „Emanzipation“ gegeben. Mit den Zutaten, die für das Thema sehr typisch und doch auch außergewöhnlich sind:

Sala Lieber, Emanzipation, Öl auf Leinwand, 170 x 195 cm, 2010

Zwei unbekleidete Frauen stehen auf einem Bühnenrand und ziehen jeweils mit beiden Armen an festen, farbdurchwirkten Goldkordeln einen Bühnenvorhang empor. Die rechte Frau wird durch grelle Beleuchtung im Gesicht akzentuiert und die geschlossenen Augen und ihr Gesichtsausdruck verraten Anstrengung und Mühe. Die auf der linken Seite tätige Nackte schaut den Betrachter an und scheint mühelos die Kordel ziehen zu können.
Zwischen den beiden barocken Frauenfiguren erscheint ein perspektivisch angelegter Kassettenfussboden. Der Fussboden scheint weniger als Bühnenboden mehr als kostbarer Fussbodenbelag eines Schlosses oder eines Herrenhauses gedacht zu sein. Am perspektivischen Ende, sehr weit weg von den beiden dicht am Bildrand angelegten Figuren sind Puppen in Kleidern zu erkennen. Ein Zitat des bekannten Velazques-Bildes“ Las Meninas“ weist die Figuren als adelige Frauenfiguren aus. Die Figuren sind sonst wenig erkennbar als konkret gemeinte historische Personen. Die wie weibliche Puppen anmutenden Figuren hängen in unterschiedlichen Höhen an Fäden. Sie erscheinen dadurch als ungelenke Marionetten eines wenig professionellen Puppenspiels.

Der obere Teil des Bildes wird durch einen bereits gerafften Bühnenvorhangstoff gefüllt. Üppige und farbige Goldbrokatstoffe türmen sich in luxuriösen Falten. Über den Stoffbahnen und für den Betrachter sichtbar schwebt ein Putto als Zitat eines Barockengels kopfüber in die Szenerie.

Zwischen den beiden schönen Nackten, die an die Grazien von Raffael erinnern, liegt ein treuer Barsoi oder Windhund und schaut ebenfalls direkt aus dem Bild. Vor ihm und dadurch direkt an der Kante des Bildes und der Bühnenkante liegen zwei Prunkharnische leer am Boden. Die Prunkharnische tragend kostbare vergoldete Arabesken, ebenfalls als Zitate angelehnt an Tizan-Bilder von Karl V.. Im Gegensatz zum Harnisch bei Tizian, wird bei Sala Lieber die Panzerung als „Unterwäsche-Paar“ sichtbar. Der eine Harnisch gleicht einem starren Boxershort der Herrenmode, der andere einem Body der Damenunterwäsche-Mode.

Durch die Zitate bricht Sala Lieber mit den üblichen Insignien der Macht und nutzt die überkommenen Formen, um Weichheit und Menschlichkeit zu betonen. Der Geschlechterkampf ist bei ihr durch das Ablegen der Rüstungen der Protagonisten „Frau“ und „Mann“ überwunden. Die beiden Grazien offenbaren die schicke aber manipulative Bühne des Lebens und weisen auf die untergeordnete „Frauenrolle“ als Marionette hin. Der schöne Schein der Geschlechterrollen, die Machtfrage wird subtil dadurch als für beide Seiten durchsichtig und unschön entlarvt.

Der Putto, als Zitat der göttlichen Welt billigt das Treiben der Grazien, die Licht in das Treiben bringen wollen. Der treue Hund ist an ihrer Seite und ruht als Beschützer, der ebenfalls von dem gesegneten göttlichen Tun der Grazien überzeugt ist. Er und eine seiner Herrinnen beziehen den Betrachter mit ein und machen ihn zum Komplizen bei der Öffnung des Vorhangs. Die zweite ist etwas selbstversunken und mit sich beschäftigt, so dass ihr Horizont sich scheinbar erst wieder weiten muß. Der Putto, die linke Grazie und der Hund sind schon in der Entspannung und Leichtigkeit die nach dem Offenlegen der alten Rollenmuster und ihrem Überwinden einsetzt angekommen.

Sala Lieber löst gleich hoch ästhetisch die Frage der Emanzipation zu Gunsten der Frauen. Ihr opulentes Gemälde erscheint wie eine wuchtige und doch leichte Interpretation des Titels. Das großformatige Gemälde ist in der Ausstellung Goldene Zeiten in der Galerie Hoffmann Contemporary Art noch bis zum 31.3. (Ausstellungsdauer verlängert) zu sehen.

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